Gedichte aus unserer Lesereihe "Junge Deutsche Lyrik"
Hier bieten wir Ihnen Leseproben, der Autorinnen und Autoren, die in unserer Reihe "Junge Deutsche Lyrik" im Literaturhaus Darmstadt bereits bei uns gelesen haben. Die Gedichte sind in der Reihenfolge der absolvierten Lesungen angeordnet. Es fehlen leider noch einige wenige Proben, die aber sobald als möglich erscheinen werden.
Gedichte von Nancy Hünger (und Jan Volker Röhnert)
Ringsum reicht den Augen das Salz nicht aus
I.
Über den Kopf spannt sich
straff der entstofflichte Himmel:
von keinem Zittern bewegt
- ein Luftraum - wolkenlos,
kahlgeputzt, aus Lapis, Türkis,
Smaragd an den weichen Kanten,
wie sie auslaufen, hinschwemmen
in die ungesäumte Ebene.
Nur zu den Seiten stemmen sich dünn,
geschorene Bäume aus dem fortwährend
schwellenden Schnee, vereinzelt und
einsam kehren sie wieder und ankern
das Auge bevor es ausschweift, schwärmt,
um abermals aus der Welt zu fallen, zu rutschen
vom Gewölbe, dem frostigen Firmament,
das nichts ist als Landschaft, nur dies.
II.
Den Körper ausgerichtet zur Krim,
so schlafe und wache ich, den Atem
angehalten, den Pulsschlag umgekehrt,
ich höre den Schnee, ich höre Lubas
schweres Herz in der Nacht meiner sanften
Verschiebung, füchsisch eingerollt
im blechernen Tross, ziehen die Wehen
am Fenster, vereisen die Gläser, ein Klirren
und Knistern, die Federn im Haar: Tauben-
schmuck wächst aus den Schmuggelkissen,
wächst über die Träume ins Faltbett hinein,
jemand schlief schon und summte ins leere Abteil.
von Nancy Hünger
Gedichte von Karin Fellner & Gabriele Trinckler
Betrittst Du den Tag von Karin Fellner
betrittst du den tag eine bluebox
mit federfüßen und nur
ein kleines halskratzen sagt
du bist sterblich doch sonst
jubiliert das blau
dass du kein ende siehst
in belichteten wänden
aquarien der ferne
mögliche aufwinde oder
liebhaber die in deine
augen springen und dich
sattsam füllen mit schaum
hinter der rundung schnurren
leise die projektoren
Entropie am Knie von Gabriele Trinckler
ich kann es nicht aufhalten
das herumstromern der dinge
zwischen den zimmerecken
diese heimlichen ortswechsel
meiner socken im abendrot
wenn der schladderadatz sich
zusammenrottet wird es
zeit für ein weiteres bier
trotz der leidigen sache mit
den flaschen und den dosen
der monsun im kühlschrank
sah viele metamorphosen doch
ovid bei den tomaten bleibt
teil des mysteriums auf das nur
mama antwort weiß
Gedichte von Uljana Wolf und Daniela Danz
aufwachraum I von Uljana Wolf
ach wär ich nur im aufwachraum geblieben
traumverloren tropfgebunden unter weißen
laken neben andern die sich auch nicht fanden
eine herde schafe nah am schlaf noch nah an
gott und trost da waren große schwesterntiere
unsre hirten die sich samten beugten über uns –
und stellten wir einander vor das zahlenrätsel
mensch: von eins bis zehn auf einer skala sag
wie groß ist dein schmerz? – und wäre keine
grenze da in sicht die uns erschließen könnte
aus der tiefe wieder aus dem postnarkotischen
geschniefe – blieben wir ganz nah bei diesem
ich von andern schafen kaum zu unterscheiden
die hier weiden neben sich im aufwachraum
aufwachraum II
ach wär ich nie im aufwachraum gewesen
taub gestrandet schwankend in der weißen
barke neben andern barken angebunden –
ja das ist der letzte hafen ist der klamme
schlafkanal mit schwarzen schwestern die
als strafgericht am ufer stehn und dir mit
strengen fingerspritzen drohen: tropf und
teufel meine liebe können sie mich hören
und hören kannst du nichts nur diese stille
in den schleusen sanitäres fegewasser das
dich tropfenweise aus dem schlauch ernährt –
als unter deinem bett das meer mit raschen
schlägen dich zurückraubt in den traum von
stern und knebel fern vom aufwachraum
und du meine blaue und du meine graue
winters am fluß wo wir gehen
fliegen zwei ringeltauben vom
schiefer deiner iris auf als eine
feder fällt dein schlaf auf dich
still und wolkenähnlich gehst
du hinüber: eine eigene arbeit
wie ein flußkiesel rollt
dein schlaf über den grund
dieser winternacht
da du schläfst auf der seidenen
haut deiner wangen sind zu stoff
die träume geworden vergessen
stehe ich vor persischen kacheln
des achtzehnten jahrhunderts
aus den vitrinen der würzige duft
eines krauts in den bergen des
hindukusch meine unruhe perlt
am kupfer deiner gewißheit ab
Daniela Danz aus "Serimunt - Gedicht" (c) Wartburg Verlag 2004
Gedichte von Ulrike Almut Sandig und Jan Wagner
im juli
war der teer feucht und leer, zogen manchmal
die hengste reiterlos, quer durch den ort, oder
es kamen die jüngsten und fuhren wieder fort.
oder es gingen die eltern nach vorne zum zaun,
leis’ zu reden. weiter war keiner beteiligt, hörbar
war jeder schritt, bis der august mit maschinen
das, was schon rauschte, zerschnitt.
die versessenen gesten der trauerweiden
am graben zur straße nicht zu vergessen.
auch nicht die miene der geschichte (falsch
oder richtig?) beim schließen der eigenen
augen zur nacht, vor allem auf reisen
nie mehr auf lager zu haben als die leisen
reste geangelter träume im einzelzimmer
vor vier: aufzusein vom gerede im rücken
der kinder und haken schlagenden fischen
auf der flucht vor kieseln und der eigenen
hand, die (falsch oder richtig?) den beutel
trockenes brot zum hof dessen trägt, der
verrät. die pfeilgraden gesten der weiden
im späten august, wenn in allen hinteren
gärten vor wärme ein kurz angebundenes
sterben begann, nicht mehr zu vergessen.
dreh dich nicht um, an langer kette stehen
die kleinen, vergesslichen köter und sehen
dir zu. plumpsack bist du, gehörst nicht
hierher, erinnerst du dich an das offene tor,
dahinter in fellen die alten getreuen, bellen,
aufgestellt um die höfe im kreis und wissen
nicht warum, aber WER sich umdreht oder
lacht, also dreh dich nicht um, im kreis um
diese höfe sitzen kleine, vergessliche köter
und bewachen die ritzen im tor, plumpsack
zu finden, der dableibt und aufpasst für sie.
Ulrike Almut Sandig
Alle Gedichte aus: Streumen. Gedichte,
Connewitzer Verlagsbuchhandlung 2007
holunder
für Richard Pietraß
wofür die tinte, fragt man, im geäst
die schwarzen tropfen, die sich unverhofft
zum amselklecks verdichten? welcher text
für welches grundbuch, welches heft?
neben der alten scheune, wo in den beeten
das land versickert, hinterm zaun. der duft
der doldenrispen im april, das bütten-
papier, das er aus seinen tiefen schöpft,
während die wäsche trocknet, an der stange
zu flattern beginnt, die amseln sich in dohlen
verwandeln. welches süße oder strenge
geheimnis, fragt man, wird er mit uns teilen,
wenn wir im herbst ums dunkel der terrinen
versammelt sind, mit unseren blankgeputzten
silberlöffeln, jenen allzureinen
sonntagshemden, schweigsam wie kopisten?
(quittenpastete)
wenn sie der oktober ins astwerk hängte,
ausgebeulte lampions, war es zeit: wir
pflückten quitten, wuchteten körbeweise
gelb in die küche
unters wasser. apfel und birne reiften
ihrem namen zu, einer schlichten süße -
anders als die quitte an ihrem baum im
hintersten winkel
meines alphabets, im latein des gartens,
hart und fremd in ihrem arom. wir schnitten,
viertelten, entkernten das fleisch (vier große
hände, zwei kleine),
schemenhaft im dampf des entsafters, gaben
zucker, hitze, mühe zu etwas, das sich
roh dem mund versagte. wer konnte, wollte
quitten begreifen,
ihr gelee, in bauchigen gläsern für die
dunklen tage in den regalen aufge-
reiht, in einem keller von tagen, wo sie
leuchteten, leuchten.
(alle Gedichte aus: Jan Wagner, Achtzehn Pasteten, Berlin Verlag, Berlin 2007)
Gedichte von Martina Weber und Andreas Hirschmüller
bäume an lichterketten gelegt traurige
zweige einer einkaufsstraße einbahn
straße in ein licht getaucht orangen
licht auf winterhaut ein überfall ein frühlings-
einfall ein gezwitscher
ist längst kein vogel mehr zu sehn wer weiß wie kalt
wie warm sich ihre füßchen um einen menschen
finger schmiegen nicht sichtbar
eingenistet auf den zweigen laut
sprecher fern
gesteuert deine ohren hilflos
ausgeliefert einem silberchip diese tonspur
hörst du nicht
bewusst sie legt sich
unter deine schritte
von Martina Weber
[IV]
Präfationen
ungereimte
Schwehlend
Vom Kern
zum Abend
Rot Im
Wellen-
Bruch
[V]
Am Laich-
grund
tief ver-
trackt
Im Tangewirr
Ichthys-
blaue
Spuren
in der
matten
See
von Andreas Hirschmüller
Gedichte von Lino Wirag und Alex Dreppec
Lino Wirag
Anti-Licht-Gedicht
Nächtig-dämmrig dichtes Nicht-Licht,
Das ein Schwarzloch in die Sicht sticht,
Dunkel-düstre Schummerstunde,
Tintenschwarze Schemenrunde.
Dreilicht, Zwielicht, Einslicht, Keinslicht,
Schwärze ist eine Gesteinsschicht,
Kohlpechzappenrabendunkel,
Koptisch finstres Mankelmunkel.
Mitternächtens, lichtlos-lauernd,
Schattenschläger, formlos-kauernd,
Friedhofsgänger, haltlos-schauernd,
Rottenregen, endlos-dauernd.
Gräber, Grüfte, Leichensteine,
Mausoleen, Steingebeine,
Urnen, Kreuze, Totenmale,
Ehrenstätten, Funerale,
Ziehen schwer durch mein Gemüt,
Wenn mein Aug' die Dinge sieht,
Die mein Ofenrohr verschmutzen:
Ich sollte doch mal wieder putzen.
Alex Dreppec
BIENENKÖNIGIN
Bildschöne biegsame Bienenkönigin!
Beliebteste Blüten-Bestäuberin!
Bezaubernde blauäugige Blicke brechen Bahn,
Bienen bewohnen Bauch, brauche bald Baldrian.
Bin beeindruckt, bekehrt, bei Bedarf Beweise?
Blutkreislauf brummt bergauf – beispielsweise.
Begehrte bewunderte Bienenkönigin!
Blühender Begierden Besänftigerin!
Bin begeistert, besoffen, bescheppert, beschnitten,
Bekleistert, betroffen, bedeppert, beritten.
Bist bestenfalls bedenkenlos
Bedeckender Bekleidung bloß.
Becircte besondere Bienenkönigin!
Begehrtester Blüten Besitzerin!
Beleuchtet-befeuchtete, bildschön bestückte,
Brillante bemannte, beim Bücken beglückte,
Bestaune bezaubernde Beinarbeit.
Bettlaken besudeln?
Bin bereit.
METROPOLAR
Plankton weht im Wind,
durch überdüngte Straßen
im Straßengekröse
der Weichteile der Stadt.
Bei den Underberg - Underdogs,
beim Cityring aus Strass
kickt ein Chamäleon auf Chrom
zerknülltes Kaugummipapier
und doublet sich selbst.
Am Straßenrand Nacktaktricen,
Remakeup in der Traumfabrik der Chemoküchen,
den Blick weggeblendet,
zeitlupenrein, tonspurlos,
stille Koloratur.
Der Cutter schneidet sich.
Großaufnahme bis zur Notaufnahme.
Du wirst weggeblendet.
Double dich selbst.
Gedichte von Mara Genschel und Christian Schloyer
Holy cow heart.
Mein Fleisch.
Mein eigen, glockendes Schwanken.
Du muhtest mir zu,
ich brüllte mit handlanger Zunge
zwei Lieder zurück:
eins in die Blumen geschissen;
eins von heisrer Cowbell swingend
intoniert, ein Blechgesang
der bleibt.
Die Fliegen wissen Bescheid.
Lied der portugiesischen Wäscherin
O, coracão!
Höchstens mein Herz
in den Wind gehängt,
nämliches Höschen!
So hoch in den Himmel,
dass Sittiche sich
drin verfingen;
dass sämtliche Sitten
verflögen, gänzlich
flöten gingen;
Gassen und Vögel
besängen mein
hämisches Möschen!
von Mara Genschel, "Tonbrand Schlaf", Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2008.
picasso ist ein herrischer beifahrer & schweigt
jemand guckt aus dem haus mit kindlichen
augen aus dem zweitobersten
stock, gefrorene wachsamkeit wie bernsteine
sind da figuren + jemandes
nasenlöcher. jemand starrt hinter der
fensterbank das ist die brust
wehr man verschanzt sich sogar
am strand wenn man sich überrascht
in den rachen äugt beim küssen. du kannst
gleichzeitig zu einem bein gehören + zu
einem arm von denen du nur augen
blickweise weißt du bist
nicht immer bei dir. jemand hat sich blau
im glas verfangen ein bengalisches
tigerauge jemandes rücklicht
vor mir auf der autobahn während ich
dem schlaf von der schippe
spring dem schlaf
von der schippe
// Bildanmerkung, Picasso „Figuren am Meeresufer“, Öl auf Leinwand, 1931
die tür bricht
auf die bildkulisse falscher
perspektive, der vater ist grandios gewachsen – nein der
lehrer mit den lehrerlocken der herzogliche
zolleintreiber furtverweser, das ahnenbild
hängt im tv die lampen
von der decke, schürhaken wie eben schür
haken an + von der decke haken & die tanten
tuscheln im portrait wie lautverstärker durch die
versprecher rauschen. das dicke kind ist über
zeichnet, von verwandtschaft
keine spur. auf dem bild ist einer man sieht die hand
des künstlers lehrers der nicht dazu gehört & wer
nach rechts zu weit sich beugt wird
fortgespült, lichteinfall aus nebenzimmern
der hund (die dackelabstraktion) glüht schon wie
eine neonröhre glüht. P malt auf diesem bild
dies bild von sich sich selber malend
als abbild eines andern bilds
von V die gleiche szene malend
// Bildanmerkung, Picasso „Las Meninas (nach Velázquez)“, Öl auf Leinwand, 1957
von Christian Schloyer.
Gedichte von Kurt Drawert
Koloskopie
( für Andreas Große )
Als ich die Beine angewinkelt spreizte
und dann im Spiegel einer Uhr
den Film auf einem Bildschirm sah,
wie weit hinein in mich die feinste Technik
gleich einer Lore in ihr Bergwerk fuhr,
da ging ich aufgeklärten Blicks
den langen Weg ins Labyrinth
des Körpers mit und sah,
was mir an mir Geheimnis war.
Sah meiner Muskeln Peristaltik zu,
im Rhythmus meiner Atmung schnell
das Auf und Ab der Zotten,
sah wie im Gang durch Felsengrotten
mich einmal mich durchschreiten,
sah die Verengungen und breiten
Schichten Fettgewebe, Bänder,
so schön wie Festgewänder
das Netz aus Adern in der Innenhaut,
und dachte laut und lachte bitter:
in diesem Knochengitter,
wenn je und überhaupt des Menschen
letzter Grund die Seele ist,
dann muß sie hier von Schleim
umhüllt in einem Winkel liegen
und meinem Auge sichtbar sein.
Schon spürte ich nach,
wie Instrumente sich wenden,
und an zwei blutenden Enden
sah ich die Zange, die eine Perle
aus dem Rätsel meines Fleisches brach.
Engel
Die Engel des Glücks,
Zentimeter für Zentimeter
gehen sie von mir.
Die einen stilvoll,
das Gesicht noch zu mir gewandt
und in sanfter Verneigung,
die anderen wortlos,
mit kalter Schulter
am Standort des Gläubigers vorbei.
Und was gestern noch zählte,
ist heute der Schnee
auf den sinkenden Armen der Tanne.
Wintergedicht
Leicht fällt das Jahr in den Schnee,
und langsam sinkt auch das Licht.
Schon sehe ich nicht, wo du bist.
Und mit dem Dunkel dann ist,
daß ich gar nichts versteh.
An meinem Fenster vor Zeiten
zogen die Schwäne vorbei.
Ich fürchte, sie kamen nicht weit,
weil es doch lange schon schneit,
in allen Einsamkeiten.
Schnee hat im weißen Schleier
zum Rätsel nun alles vereint.
Es schweigen die Bücher am Ende.
Vielleicht, es sprechen die Wände.
Die Raben über dem Weiher.
Gedichte von Thomas Kunst
Dich anzufassen, ohne zu verblöden,
Das wäre meine Art, dich zu genießen,
Ich würde niemals wütend um mich schießen,
Nur weil es Männer gibt, die nicht erröten,
Wenn sie davon erzählen, wie es wäre,
Dich anzufassen und dich zu begleiten,
Bis nichts mehr geht und du bei jedem zweiten
Gedanken das Gefühl hast, auf der Fähre,
Wie ich mir das schon länger wünsche, Winde
Mit Möwen drin und Brot über den Wellen,
Auf dieser Fähre würdest du dich trauen,
Mir zu gestehen, du Idiot, verschwinde,
Wenn ich mit meinen Händen, noch im Hellen,
Nicht bald versuche, alles zu versauen.
Sekunden vor Regalen, selten Jahre.
Die Ausweichkäufe, Haargummis und Pflaster.
Sich nie zu überlisten: ein Desaster.
Mit Wein wäre es einfacher, die klare
Verlorenheit als Abstand mitzukriegen
Und ohne Kinder leichter zu vergammeln.
Ich muß am Strand jetzt immer Steine sammeln.
Und jeden Draht anfassen und zerbiegen.
Ich bin wohl oft am Wasser, an der Luft.
Im Badezimmer faulen Seil und Holz.
Natürlich glaubst du längst, ich sei verrückt.
Ein Haargummi trägt innen seinen Duft.
Bin selten krank, ich habe meinen Stolz.
Ich weine, weil du denkst, ich komm zurück.
Du wirst doch jetzt nicht etwa traurig werden.
Ich habe dir gesagt, am Meer zu leben
Ist gut für mich, du kannst mir nicht vergeben,
Daß ich zu oft am Strand bin, bei den Pferden.
Ich kann sie nicht mal reiten, diese Hengste,
Wie sie den Stallverlauf ins Wasser lenken.
Bei soviel Klarheit kann ich an nichts denken:
An deine Sehnsucht und an deine Ängste.
Sich fernzuhalten, dafür sind die Hände
Gedacht habe ich nichts an dieser Küste.
Berührungen sind Trümmer, kein Besitz.
Ich habe doch gesagt: ich brauche Strände
Und Zeit, als wenn ich es nicht besser wüßte.
Das hat uns aber alles nichts genützt.
Gedichte von Silke Peters
Kreuzpunkte
wo ihr herkommt / da geh ich immer hin / von den endlosen Äckern / den Hügeln der Großmutter / zum Fischbach mit Tränen denen der Mut fehlte/ dem die Schwünge der Mänaden beschnitten sind / der Erdmulde mit dem Moos unter den Nägeln / und immer ist / keine Sprache darüber / es müssen Sätze verborgen sein / an den Hügeln die Hänge hinab / auf die Ebene zu / der verstrickenden Fluss ertrinkt in den Wassern / die das Moor nicht hält / es speist die große Nessel und / manchmal / sind Brandstellen / im Feld
Sukzession
die Angst ist ein Feld
Weizen und Roggen
die Angst ist ein Feld
Hirse vielleicht
die Angst ist ein Feld
Winterweizen und Roggen
die Angst ist ein Feld
Sonnenblumen, obwohl
ein Feld
Kartoffeln, die Rüben zuunterst
die Angst ist ein Feld
die Grasnarbe deckt es
verbuscht wird der Wald
vor lauter Bäumen die Angst
das einhorn
das einhorn in seinem garten / wir sind eingestiegen / eingebrochen / die lockeren ziegel fallen / unter der mauer / der efeu an ihren händen / die wirbel / die stimme rutscht aus / dies ist kein leck geschlagenes beisammen sein / und du zahlst dieter / diesmal nehmen wir den rest / der regen rauscht glatt durch / wie geschmiert / messerscharfes klirren / der eingelegte guppy ist das typusexemplar / er hat sich entfärbt / das leichte aufleuchten wenn sie sich in ihrem glas drehen / die reinste teleskopage ist das / dann gilt alles als ein blatt in der heraldik / es gibt chancen / die du dir von der anderen seite aus ansehen kannst / wie nachträgliche satzzeichen
Gedichte von Eric Giebel
»zuhause«
ein Gedichtszyklus von
Eric Giebel
Auswahl für die Veröffentlichung
auf der Webseite der Literaturiniative Darmstadt
5
die nesselspur auf meinem handrücken.
ich trottete den anderen immer
hinterher. mit stöcken schlugen
wir uns den pfad erneut frei,
drückten die brombeerruten
mit den schuhen ins weiche
erdreich, babberratsch, mud.
einer gab kommandos. ich war
es nicht. vielleicht spielten wir
versuchsweise unbeschwerte
kindheit oder auch den kessel
von korsun. nur einmal rannte
ich weg. vornweg. voller panik.
der deutsche schäferhund wollte
an mir hochspringen. ich stürzte
durch das gestrüpp. die anderen
lachten billige niederträchtigkeit.
die kratzspuren auf meinen unterarmen.
8
in meinen träumen konnte ich
über die stadt fliegen, vogel-
perspektive: ich sah mich als
angst über dunklen straßen
hasten, den haustürschlüssel
in der hosentasche, eine faust:
daheim zusammengeschrieben,
zu hause getrennt. es gab keine
andere wahl, das war die regel.
9
und dann baute ich mein erstes gedicht
in den roten sandstein. es war brüchig.
ohne fundamente gestapelt, hielt es
dem druck nicht lange stand. die worte
stürzten auf mich ein. begruben mich.
die trümmerkeile bildeten hohlräume,
luftblasen. reglos, starr, holte ich atem.
von aussen steckten sie ein kreuz drauf.
ich sah sie nicht weinen, verabschiedete
vater, mutter und meinen großen bruder.
in dieser enge richtete ich mich ein, trug
die gesteinsschichten ab. die fingernägel
arbeiteten sich zum erdmittelpunkt: ¡yo!
ich spürte hitze. sie kam alleine aus mir.
sie kam als wut. unablässig brüllte ich.
in meinem haus, jenem schacht, hörte nie
jemand das selbstmitleid, die hasstiraden.
museales zeugnis der frühen erdbaukunst,
gewähre ich mir rückblick: ich kann sagen,
ich habe im gedicht meine jugend überlebt.

